Wenn es mal nicht etwas mehr sein darf

Wenn man aus seiner Blase austritt, eröffnet sich manchmal ein ganz neuer Blickwinkel auf die Welt und die Dinge, die sie ausmacht. Das ist erfrischend und kann dazu beitragen, die betroffene Person zu einem besseren Menschen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Manchmal wird einem aber auch schlagartig bewusst, dass sich das Leben außerhalb der Blase gar nicht so großartig vom eigenen Alltag unterscheidet. Diese Blasen bilden sozusagen ein Multiversum; die Paralleluniversen des kleinen Mannes.

Als Softwareentwickler hat man—habe ich— einen etwas anderes Blick auf die Branche als die Endnutzer, die Kunden1. Man stellt mir Argwohn fest, dass es, gerade auf den mobilen Plattformen wie iOS oder Android, einen bestimmten Trend gibt. Dieser Fakt ist keine neue Erkenntnis, schließlich wird das iPhone nächstes Jahr 10, der iOS App Store 9 Jahre alt.
Die Kunden wollen auf ihren 800 EUR teuren Telefonen Premiumsoftware installiert sehen, aber bitte zum kleinen Preis. Spiele, mit denen man sich mehrere Stunden lang die Zeit vertreibt, während man bei Starbucks sitzt und seinen zweiten 6 EUR teuren Venti Java Chip Chocolate Cream Frappuccino schlürft, sollen bitte nicht mehr als 99 Cent kosten. Am besten wäre natürlich kostenlos. Dann aber auch bitte ohne den Zwang auf In-App-Purchases und Werbung findet man ja auch kategorisch blöd.

Ich bin ein YouTube-Enthusiast und stehe auf guten Content. Ich mag es, wenn sich Menschen Gedanken gemacht haben, sich ein gutes Konzept oder Skript überlegen und ihr Herzblut in die wöchentliche (oder öftere) Produktion von Videos stecken. Aber natürlich tummeln sich auch hier wieder die Kleingeister in den Kommentaren. Die Leute, die unzufrieden mit ihrem Leben sind und dann, statt diesen Frust als Motivation zu nutzen, Web-Video-Produzenten diffamieren, weil sie gesponsorte Beiträge veröffentlichen.

Kaum hast Du eine Million Abonnenten, verkaufst Du Deine Seele!

So oder so ähnlich lesen sich dann die Anschuldigungen (mit meist schlechterer Rechtschreibung und Grammatik und deutlich mehr Beleidigungen). Aber auch dies könnte ganz anders aussehen. Und dann hat YouTube vor ein paar Monaten ein neues Produkt vorgestellt: YouTubes Red. Ein Premiumservice inklusive Bezahlmodell. Natürlich war auch hier das Geschrei groß.

Um den Bogen zur Einleitung zu schlagen: Für mich war es also weniger erstaunlich, aber gleichzeitig hoch interessant, als ich Folgendes las:

Ich weiß zwar nicht, wer diese Menschen sind, die kein Geld für Bücher ausgeben (ich bin's nicht, mein Kontostand…

Posted by Stehlblüten on Mittwoch, 10. Februar 2016

Das Problem ist unsere Denkweise, sind unsere Bedürfnisse. Wir wollen immer mehr, aber immer weniger dafür ausgeben. Für Statusobjekte beißen wir in den sauren Apfel und blechen, was das Zeug hält. Aber alles darüber hinaus hat keinen Cent verdient, das steht einem doch schließlich zu!

Ich habe keine Ahnung, woran das liegt. Vielleicht ist es die Globalisierung, die uns beigebracht hat, dass es alles für kleines Geld gibt. Und die uns soweit von der Produktion von Konsumgütern und der Erschaffung von Kunst entfernt, dass wir gar nicht mehr dazu in der Lage sind zu erfassen, wieviel Arbeit deren Herstellung bedeutet.

Leider habe ich schon gar keine Ahnung, wie man dem Problem entgegentreten kann.


  1. Nicht in diesem Sinne